Wiedergründung nach 1946

Auszüge aus dem Jahresbericht 1946 im ersten Protokollbuch der SPD in Rödgen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges:

„Im Januar des Jahres 1946 fand die erste Zusammenkunft der Anhänger und früheren Mitglieder der SPD in der alten Schule statt.
Es wurde unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Schmidt beschlossen, den Ortsverein Rödgen der SPD wieder neu ins Leben zu rufen. Seit dieser Zeit ist in Rödgen wieder ein Fundament für die Sozialdemokratische Partei geschaffen und es ist der Wille der Mitglieder, die Partei weiter auszubauen. Am 29. Juni 1946 fand in der alten Schule eine Mitgliederversammlung statt, in der Wilhelm Schmidt I. zum Vorsitzenden gewählt wurde."


Ferdinand Schmidt war am 21. April 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum kommissarischen Bürgermeister von Rödgen bestimmt worden. Zu einer Zeit, in der in Mitteldeutschland noch der Krieg tobte und tagtäglich viele Flüchtlinge auch nach Rödgen kamen. Wochenlang musste u.a. täglich ca. 30 – 50 Personen, die als Evakuierte aus dem Osten nach dem Westen strömten und mit beladenen kleinen und großen Wagen vorstellig wurden, zumindest ein Nachtquartier besorgt werden.
Auch in Rödgen galt es, zunächst die Hinterlassenschaften der NS- Diktatur und des Zweiten Weltkrieges - insbesondere in der Gemarkung - zu beseitigen, Flüchtlinge und Vertriebene aufzunehmen und zu integrieren und die Menschen mit den Gütern des täglichen Bedarfs zu versorgen.

Im März 1946 kamen die ersten 62 Heimatvertriebenen aus dem Umland von Teplitz Schönau nach Rödgen.
Sie wurden in vorbereitete Wohnungen und Einzelzimmer eingewiesen. In den Folgemonaten trafen weitere Transporte, zunächst auch aus dem Sudetenland, später aus Ostpreußen und Schlesien ein und wurden, unter teilweise schwierigsten Bedingungen, untergebracht. U.a. wurden auch in der ehemaligen Zigarrenfabrik von Rinn & Cloos 12 Notwohnungen eingerichtet, der Bau- und Wohnsiedlungsgemeinschaft Großen- Buseck Gelände für den Bau von 4 Wohnhäusern auf Erbpacht zur Verfügung gestellt u.v.m.

Insbesondere durch die Aufnahme der Menschen aus dem Osten ist die Einwohnerzahl Rödgens von 900 in 1945 auf fast 1300 im Jahre 1954 angestiegen, davon waren ca. 25 % Heimatvertriebene.

Dies führte in den Nachkriegsjahren, neben der erforderlichen Schaffung von Wohnraum, auch notwendigerweise zu vielen weiteren Investitionen der Gemeinde Rödgen, wie z. B. die verbesserte Wasserversorgung und den Ausbau des Kanal- und Straßennetzes sowie Bau einer Güterentladestelle am Rödgener Bahnhof, um Brenn- und Baumaterial nicht vom Bahnhof in Großen-Buseck anfahren lassen zu müssen.

All dies waren große Herausforderungen für die kleine Gemeinde und es bedurfte willensstarker Persönlichkeiten, die bereit waren, mit Sachverstand und Weitblick die aktuellen Probleme anzugehen und einer dauerhaften Lösung zuzuführen.

In dieser schwierigen Zeit hat sich Bürgermeister Ferdinand Schmidt, als überzeugter und praktizierender Sozialdemokrat in Rödgen unbestreitbare Verdienste erworben. Leider konnte er nach seiner Wiederwahl 1952 dieses Amt nur noch knapp 2 Jahre erfolgreich weiterführen, bis ihn sein plötzlicher Tod am 20. Januar 1954 ereilte.

Von der ersten Stunde an waren Sozialdemokraten an vorderster Stelle, als Bürgermeister, Beigeordnete und in ähnlichen Funktionen für Rödgen tätig. Sie realisierten viele Projekte, die heute zum Gesamtbild dieses Gießener Stadtteils gehören.
Beispielhaft ist zu nennen, die erste Mittelpunktschule Rödgen/Trohe in 1959, die Einweihung des TSV-Sportheimes in 1960, die Umlegung und Ausweisung des Baugebietes „Am Läusberg“ in 1969, das Richtfest für das Gemeindezentrum/BHS und die Einweihung des Sportplatzes in 1971 sowie und nach langen Diskussions- und Verhandlungsrunden, der Anschluss und die Eingliederung der Gemeinde Rödgen in die Stadt Gießen i. R. eines Grenzänderungsvertrages zum 01.10.1971.
Der bisherige Gemeinderat und der bisherige Gemeindevorstand (insgesamt 13 Mandatsträger) bildeten damals gemeinsam den Ortsbeirat für den Rest der Legislaturperiode 1968/1972. Ortsvorsteher war Adolf Klos (SPD).

Die SPD konnte in der ehemals selbständigen Gemeinde Rödgen auf eine hohe Akzeptanz und Anerkennung ihrer Arbeit in den Reihen der Bevölkerung bauen; beispielsweise erreichte sie bei den Kommunalwahlen am 20.10.1968 fast 70 % der Stimmen und 7 von 9 Mandaten im Gemeindeparlament.
Eine markante Persönlichkeit in den Reihen der SPD- Kommunalpolitiker war damals Ernst Becker, der sich von 1957 bis 1969 – 12 Jahre - als Vorsitzender des SPD- Ortsvereins und darüber hinaus ab 1960 als Gemeindevertreter in der ehemals selbständigen Gemeinde Rödgen einbrachte. Auch im Ortsbeirat Rödgen hat Ernst Becker bis September 1990 mit viel Sachverstand mitgeholfen, die Geschicke Rödgens zu lenken.